Amals Tagebuch

- Auszüge aus einem Leben –

 

22. März 2013

Schüsse, ganz nah. Heute Mittag. Jetzt ist Ruhe, aber die ist noch unheimlicher. Ist der Krieg vorbei? War alles umsonst? Wir vier kauern hinter der Couch und haben solche Angst. Manchmal stoße ich die Anderen an, um ihre grauen Gedanken zu durchbrechen. Doch das einzige, das bricht, ist die Stille.

 

24. März 2013

Ein Lastwagen und ein Panzer der Europäer dröhnten heute in unserer kleinen Straße, um uns an einen sicheren Ort zu bringen. Viele wollten erst nicht (auch ich), sind dann aber doch in den staubigen Laderaum gestiegen. Die alte Ulima aus der Bäckerei kauerte hinten in der metallenen Ecke und verteilte ihre letzten Baklava an die Kinder, damit sie nicht weinten. Meine Bio-Bücher und die bunten Fotoalben musste ich zurücklassen, genauso wie meinen Papa: „Ich passe auf unser Haus auf, damit ihr bald zurückkehren könnt.“ Mama hat geweint und er hat sie rausgetragen. Das ist doch umsonst, zu bleiben!

 

April 2013

Keine Ahnung, welcher Tag heute ist. Mein Handyakku ist leer, Strom gibt es so wenig wie Wasser; die Leute haben andere Probleme. Ich liege meist dumm herum wie ein Buntstift zwischen hunderten Bleistiften: Außen alles grau, aber innen noch Farbe, noch Hoffnung. Bloß nirgendwo eine Leinwand, um sie zu verteilen. Meine Gedanken zerfließen zwischen bunten DNA-Modellen. Irgendwer pfeift einen Popsong. Rock wäre mir lieber, den spüre ich mehr: Tell me where did you sleep last night? Gute Frage eigentlich. Meine Kleider stinken. So sehr, wie mir der ganze Mist hier stinkt. Wir sind nicht in Sicherheit, wir sind gefangen. Gefangen in Mauern aus falschen Versprechungen, die immer enger werden. Wir müssen alle fort von diesem Kontinent, wenn wir weiterleben wollen! Morgen bringt ein Bekannter von Mama meinen Bruder und mich nach Beirut und dort auf ein Fischerboot. Er forderte Geld, aber wir haben keins. Mama war lange allein auf einem Zimmer mit ihm, bis er zugestimmt hat. Danach hat sie geweint. Die Kraft der Menschen hier erlischt wie tausend flackernde Kerzen im Sandsturm. Könnten sie den Kämpfern helfen, wären sie nicht umsonst hier. Ich hasse alle Kämpfer!

 

 

8 Tage später

Erst Meer, dann Land. Tod, dann Hölle. Wir waren so viele Tage auf dem Meer, wie wir Tote über Bord werfen mussten: Zu viele. Wo mein Bruder ist, weiß ich nicht. Auch nicht, wo wir gestrandet sind. Ich kippte ins Salzwasser, jemand hat mich hinter eine Düne gezogen. Sicherheit? Auf einmal wurden mir alle Klamotten vom Leib gezerrt. Meine Hände waren zu schwach, um nein zu sagen. Meine Sinne zerstoben wie Sand im Wind. Gerade geht es wieder, ich habe einen Brunnen gefunden. Mein Handy ist weg, Shirt und Hose sind noch da. Ich habe mich übergeben und es vor Hunger fast wieder gegessen. Meine Finger sind blau.

 

Irgendwann

Ich lebe! Darf ich mehr fordern? Ich starb und wurde dort wiedergeboren, wo man mich eher braucht. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich nur Salzwasser und Sand, Salzwasser und Strand. Ein Wunder: Mir fehlt nichts. Außer Familie und Liebe.

 

3. Mai 2013

Die Spaziergänge tun mir gut. Ich besuche jetzt auch den Deutschunterricht – alleine, weil niemand sonst meine Sprache spricht. Heute habe ich „Hoffnung“ gelernt. Es gefällt mir, es ist schließlich mein Name. Aber ich bin auch traurig: Lebt meine Familie? Trägt sie noch Amal im Herzen? Wenn ich erst einmal ein richtiges Leben hier führe, bringe ich sie alle her. 

 

1. April 2014

Es gibt da diese Sitte: In den April schicken. Die Deutschen lachen viel dabei. Mich hat man letzten April in den Tod geschickt. Manche Deutsche lachen auch darüber. Sie sagen, „die da“ stehlen Geld und Arbeit. Sie wollen hundert dicke Tanten hier durchfüttern. Ich soll zurück (gehen? schwimmen? teleportieren?) – mein Pass wäre vom IS und der Krieg von den Medien. Ich werde ihnen die Dummheit aus dem Gesicht prügeln! „Du Deutsch?“ Nein, ich bin Syrien – innen zerrissen, aber nach außen flüchtet sich ein letztes Stück flackernder Hoffnung, Amal.

 

5. Januar 2015

Gestern habe ich mich aus Langeweile mit zwei Deutschen gezankt: Sie tranken Bier. Gottloser Alkohol! Doch jetzt habe ich Anderes zu tun: Ab heute arbeite ich im Labor eines Biochemikers, Dr. Altmann – ein Kindheitstraum! Ich mag ihn: Viele Deutsche haben nur zu mir geredet, er redet mit mir. Sein Lachen gluckert wie ein Gebirgsbach. Er forscht an Bakterien, die dreckiges Wasser trinkbar machen können. Übrigens: Ich trage zum ersten Mal überhaupt eine Jeans – yay! Wenn ich nur Freunde hätte, die mir dazu Komplimente machen. Dumme Deutsche!

 

30. April 2017

Heute ist der vierte Geburtstag in meinem neuen Leben. Dr. Altmann hat mir einen deutschen Kuchen, eine Donauwelle, gebacken – wow! Er behandelt mich wie sein eigenes Kind, nimmt mir Ängste und Hass und gibt mir Neugierde. Ich vermisse trotzdem Mama und ihr liebevolles Basbousa. Ich werde immer ihr Kind bleiben. Mein Herz braucht ihre Umarmung, ihre bunten Kleider und ihr Parfüm. Aber auch die Du-schaffst-das-Momente mit Papa. Und mein Bruder – es nervt, dass er nicht nervt. Ich bin schon so lange hier, werde ich jemals wieder gehen? Ich habe keine Angst, die Vergangenheit loszulassen, sondern, dass sie dann weg ist. Noch hält mich die Forschung hier und was wir vielleicht erreichen können. Wundervolles! Aber uns laufen wie in einer Sanduhr Zeit und Geld davon. Dr. Altmanns Blick ist traurig, wenn er unsere alten, staubigen Instrumente in der Hand wiegt. Ich habe ihn in ein Museum eingeladen. Ich liebe all die bunten Gemälde dort und ihren kräftigen Kaffee. Es war sicher nicht umsonst.

 

14. November 2018

Wir haben einen Geldgeber für unser Labor gefunden! Ein Politiker. Ich vertraue Politikern nicht, aber diesmal muss ich. Ich möchte meiner Heimat ein Stück Amal geben: sauberes Wasser in diesem dreckigen Krieg. Wir haben gefeiert; ich mag die Anderen und sie brachten mir mein erstes Bier: Besser als gedacht. Aber war jetzt meine Enthaltsamkeit bisher umsonst?

 

4. August 2019

Heute können wir nicht arbeiten: Ein mächtiger Sonnensturm ist über die Erde gefegt und viele elektronischen Geräte haben den Dienst quittiert – ist das die Strafe für einen Schluck Bier?

 

6. August 2019

Die Folgen des Sonnensturms sind schlimmer als gedacht. In ganz Europa sind Technologien wie Windräder und Solaranlagen kaputt. Es werden Kohle, Öl und Atomkraft reaktiviert.

 

 

16. Januar 2020

In Europa schwindet das saubere Wasser, verseucht von all den Kraftwerken. Doch die Menschen sind abhängig von ihrer Elektrizität wie die Raupe von ihrem Kokon. Unsere Forschung wird nun wichtiger denn je! Nur müssen wir Ergebnisse vorweisen, sonst entzieht uns unser Geldgeber (Von Petland) seine Förderung. Dann säßen nicht nur wir, sondern ganz Europa auf dem Trockenen.

 

1. Mai 2020

Dr. Altmann hat gestern Von Petland getroffen: Uns bleibt noch genau ein Monat. Er durchblickt wohl die Tragweite unserer Forschung nicht. Sie könnte Wellen über die ganze Welt schlagen. Es gibt schon Menschen, die fliehen aus Europa, weil das Trinkwasser zu teuer wird. Dr. Altmann kann das eindämmen. Ich möchte nur meiner Heimat sauberes Wasser geben können. Dr. Altmann hat mich zur Ruhe gemahnt und mir ein Geschenk gemacht, das mich immer an Besonnenheit und Hoffnung erinnern soll: Eine Skulptur eines bunten, doppelköpfigen Adlers.

 

31. Juni 2020

Das ist das Aus: Dr. Altmann ist tot. Mein lieber Abu Amal, ein Vater, Vater der Hoffnung für so viele. Als heute die Frist verstrichen ist und wir Von Petland keine Ergebnisse liefern konnten, ist er einfach tot umgefallen. Welche Hoffnung bleibt noch? War denn alles umsonst?

 

3. Juli 2020

Ich habe Von Petland eine E-Mail geschrieben: Wir brauchen ein wenig mehr Zeit, ich leite das Team. Er wollte lieber einen Deutschen an der Spitze; und das Vorkaufrecht am Ergebnis, damit „seine Deutschen davon profitieren“. Er durchblickt uns doch, sieht nur Geld in uns; seine himmelblaue Krawatte sollte ehrlicherweise blutbefleckt sein. Stimme ich zu, schenke ich ihm das Messer, mit dem er uns in den Rücken fallen wird. Ich bin wieder gefangen, nur diesmal sehe ich kein Flackern mehr. Alles umsonst?

 

5. Juli 2020

Manche aus unserem Team möchten Von Petlands dürrem Vorschlag zustimmen. Altmann und die Welt wären schockiert. Ohne mich!

 

Eine lose eingelegte Seite: 21. November 2020, Totensonntag

Vorgestern fand ich dieses Tagebuch, jetzt weiß ich mehr: Verloren hat es eine Frau Amal Fadia, 23 Jahre alt, aus Damaskus, Syrien. Mit 16 flüchtete sie vor dem Bürgerkrieg. Ihr Motorboot war so voller Menschen, dass bald der Treibstoff ausging und sie ziellos auf der Wasserwüste umhertrieben. Nach über einer Woche strandeten sie in Tunesien, wo Amal nur durch Glück einer Vergewaltigung entging. Vom Strand aus schlug sie sich bis nach Algerien durch. Dort wurde sie von einer Gruppe deutscher Ärzte und Sozialarbeiter aufgegriffen. Diese brachten ihr auch deutsche Gebärdensprache bei: Amal war stumm. Später wurde sie Teil einer biochemischen Forschergruppe aus Deutschland, die vor Ort tätig war. Afrika hat sie nie verlassen. Als AfD-Politiker Von Petland ihnen die Förderung entzog, mussten die Forscher ihre Zelte abbrechen, aller Nöte Europas nach sauberem Wasser zum Trotz. Amal jedoch stahl in der letzten Nacht wichtige Dokumente aus dem Labor und verschwand damit – bisher spurlos. Ob alles umsonst war? Amal hat ihre Antwort gefunden.

 

© Lucas Blasius

Geschrieben im Rahmen eines Literaturwettbewerbs zum Thema "Alles umsonst".